Eigentlich wollten wir uns in Claus Föttingers Laden auf der Ackerstraße treffen. Ich kenne diesen Ort seit vielen Jahren. Von außen wirkt er wie ein Geschäft, durch die großen Schaufenster einsehbar. Wer eintritt, merkt jedoch schnell, dass sich hier die Grenzen zwischen Laden, Wohnung, Atelier, Bibliothek und Ausstellungsraum längst aufgelöst haben. Zwischen Lampen, Büchern, Fotografien, Modellen und Dingen aus unterschiedlichsten Zeiten wird gekocht, gegessen, getrunken und geredet. Freunde kommen vorbei, Künstler, Sammler, Nachbarn. Gespräche entwickeln dort eine Eigendynamik, die selten nur um Kunst kreist. Meist enden sie irgendwo zwischen Geschichte, Film, Literatur, Kunst und Politik.
Weil ich mich in China aufhalte und Claus in Düsseldorf ist, reden wir über WhatsApp. Dennoch ist der Raum auf der Ackerstraße während des gesamten Gesprächs präsent. Fast jede Antwort führt gedanklich dorthin zurück. Unsere Gespräche sind nie an einen Ort gebunden gewesen. Wir kennen uns seit Jahren über Jens Schneider, einen gemeinsamen Freund, trafen uns auf Ausstellungseröffnungen, nicht nur in Düsseldorf. Vor einem Jahr auch auf einer der Kunstmessen in Paris. Durch die Gänge des Grand Palais schlendernd, zwischendurch den Tag und das Glück unserer Begegnung mit einem Glas Champagner feiernd, fuhren wir zu dem Asiaten in der Rue au Maire, der für mich längst eine Art Kantine geworden ist. Ein Restaurant mit niedrigen Preisen, das von jungen Künstlern ebenso frequentiert wird wie von Leuten aus der Modewelt während der Fashion Week. Weil dies kein Ort ist, an dem man lange verweilt, sondern nur isst, brachen wir auf in Richtung Le Progrès, dem alten Bar-Tabac in der Rue de Bretagne, ein kurzer Fußmarsch. Dort stundenlang sitzend, setzten wir unser Gespräch fort, das morgens begonnen hatte, und Claus erzählte von seinen ersten Aufenthalten in Paris, von den Museen, die er schon als Jugendlicher systematisch besucht hat, von seinem Entschluss, jedes Museum aufzusuchen, in dem sich Arbeiten Dürers im Original befinden. Später spricht er über seine letzten Besuche, darüber, wie sehr sich die Stadt mit ihren Fahrradwegen verändert habe und sich trotzdem gleichgeblieben sei. Einmal sagt er, fast beiläufig, wie sehr ihn der gemeinsame Tag beglücke. Auch, weil ich ihn an meiner Welt teilhaben lasse. Ein Satz, der mich berührt. Unsere Begegnungen leben davon, dass wir uns gegenseitig in unsere Welten hineinziehen. Vielleicht erklärt das auch den Ton unseres per WhatsApp geführten Gesprächs über seine Kunst und ihre Genese. Es ist kein Interview im eigentlichen Sinn. Eher die Fortsetzung einer seit Jahren immer wieder aufgenommenen Unterhaltung. Anders insofern, als ich ihn befrage. Als ich Claus bitte, etwas über die Arbeiten der Ausstellung zu erzählen, über ihre Bildlichkeit, ihre Entstehung und darüber, was ihn inspiriert, hält er mich zunächst auf. Er würde lieber eine konkrete Frage beantworten, sagt er. Also frage ich ihn, warum ausgerechnet Lampen zum Mittelpunkt seiner Arbeit geworden sind und weshalb sie fast immer historische und zugleich private Bezüge in sich tragen. Daraufhin erzählt er mir, dass er bei seiner Tante aufgewachsen sei, weil seine Mutter arbeiten musste. Das Wohnzimmer habe sich ihm bis heute eingeprägt: ein runder Tisch mit einer gehäkelten Decke, darauf ein Volksempfänger und eine lederbespannte Lampe aus den 1940er-Jahren, dahinter das gerahmte Wehrmachtsfoto ihres gefallenen Mannes. Entscheidend sei nicht eines dieser Dinge gewesen, sondern ihre Anordnung. „Das alles ergab zusammen ein Ensemble“, sagt er. Rückblickend erkenne er darin den Ursprung seiner künstlerischen Arbeit. Die Lampe sei darin weit mehr gewesen als ein Gebrauchsgegenstand. „Die Lampe erhellt die Geschichte.“ Sie verbinde die Dinge miteinander und mache sichtbar, dass Geschichte nicht in Büchern beginne, sondern mitten im Alltag. Der Volksempfänger stehe für das faschistisch-modernistische Versprechen der Technik, mit neuen Medien ein Massenpublikum zu erreichen. Das Wehrmachtsfoto erzähle vom Krieg, ohne ihn zu zeigen. Und die Lampe halte all das zusammen. Kaum hat er diese Erinnerung erzählt, entfernt er sich von seiner eigenen Biografie. Ihn interessiere nicht die Familiengeschichte als Privates. Was ihn beschäftige, sei, dass diese Konstellation damals in unzähligen Wohnungen gestanden habe. Ob arm oder reich, beinahe jeder Haushalt habe ähnliche Lampen, ähnliche Möbel, einen Volksempfänger und die Fotografien der Gefallenen besessen. Seine Kindheit werde dadurch zu einer generationenübergreifenden Erfahrung. „Man ist mit dieser Erbschaft gemeinsam groß geworden“, betont er. Genau deshalb seien seine Lampen nie bloße Erinnerungsstücke, vielmehr Zeugen einer Zeit, deren Spuren bis heute in den Dingen fortlebten.
Diese Bewegung zurück aus der eigenen Biografie hinein in eine größere historische Ordnung zieht sich durch das gesamte Gespräch. Kaum ist die Kindheitserinnerung erzählt, beginnt er bereits, sie zu entpersonalisieren. Ihn interessiere, sagt er, nicht das Private als Besonderes, sondern das Private als etwas, das vielen gemeinsam sei. Die Unterschiede der sozialen Herkunft seien dabei zweitrangig. Entscheidend sei, dass bestimmte Bild- und Dingkonstellationen eine ganze Generation geprägt hätten.
Der Volksempfänger, die Möbel, die Fotografien der Gefallenen – all das sei nicht Ausnahme, sondern Normalität gewesen. Gerade deshalb seien diese Dinge für ihn so aufgeladen. Sie hätten nichts Exotisches, sondern etwas Alltägliches gehabt, das im Nachhinein erst seine historische Schärfe bekomme. „Man kann seiner Zeit nicht entfliehen“, sagt er sinngemäß, und genau in dieser Unausweichlichkeit liege das Material seiner Arbeit. Angesprochen auf die Entwicklung seiner Lampen, darauf, was sich über die Jahre verändert hat, verschiebt er erneut die Perspektive. Früher, sagt er, habe er stärker mit gefundenen Objekten gearbeitet, oft aus der unmittelbaren Umgebung: aus Wohnungen von Verwandten und Flohmärkten, aus kleinen An- und Verkäufen in den Niederlanden, manchmal auch aus reiner Notwendigkeit heraus, weil die Mittel knapp gewesen seien. Es sei eine Phase gewesen, in der es vor allem darum ging, überhaupt Material zu haben, das sich transformieren ließ. Heute sei das anders. Je älter er werde, desto präziser gehe er vor. Nicht im Sinne von Kontrolle, sondern von Verdichtung. Die Dinge würden nicht zufälliger, sondern klarer in ihrer Funktion als Träger von Zeit. Was seine Neugier wecke, sei nicht das Objekt als solches, sondern seine Fähigkeit, mehrere Zeitschichten gleichzeitig zu tragen. Deshalb nennt er seine Lampen „Trojaner“. Von außen seien sie unscheinbare, funktionale Gebrauchsgegenstände. Im Inneren aber transportierten sie etwas anderes: historische, filmische, biografische und kollektive Bilder. In dem Moment, in dem sie in einen neuen Raum gestellt würden, begännen sie, sich zu verändern. Nicht physisch, sondern semantisch. Jede neue Umgebung schreibe sich in sie ein.
Auf die Frage nach Gebrauch und Ästhetik reagiert er fast irritierend ruhig. Diese Unterscheidung sei für ihn nicht mehr tragfähig. Eine Lampe bleibe eine Lampe. Ihr Gebrauch sei stabil, ihre Funktion klar. Was sich verändere, sei die ihr zugeschriebene Bedeutung. Aber diese sei nie fix, sondern abhängig vom Kontext, in dem sie auftauche. Immer wieder kehrt er zu der Idee zurück, dass seine Arbeiten weniger Objekte als vielmehr Anordnungen seien. Konstellationen, die etwas sichtbar machen, das ohnehin vorhanden sei, aber normalerweise nicht beachtet werde: die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zeiten in einem einzigen Raum. Als wir im weiteren Verlauf des Gesprächs auf die Filme zu sprechen kommen, denen er sich visuell und mental nahe fühlt, und weil seine Lampen wie sprunghafte, assoziative Bildreihen wirken, wird dieser Gedanke noch deutlicher. Er spricht über Solaris von Andrei Tarkowski nicht als Referenz, sondern als Modell. Entscheidend sei dort nicht die Zukunft, sondern die Materialisierung von Erinnerung. Der Planet selbst bringe das hervor, was die Figuren vergessen oder verdrängt hätten. Erinnerung werde dort körperlich, beinahe objekthaft.
Gerade dieser Moment interessiert ihn. Dass Erinnerung nicht nur rückblickend funktioniert, sondern sich als etwas Gegenwärtiges zeigt. Dass sie Form annimmt. Die Figur der Hari, die vom Ozean aus den Erinnerungen des Protagonisten neu erzeugt wird, sei für ihn ein Schlüsselmoment. Nicht, weil sie „realistisch“ sei, sondern weil sie zeige, dass Erinnerung immer konstruiert ist. In diesem Sinn unterscheidet er Tarkowski deutlich von Kubrick. 2001: Odyssee im Weltraum sei für ihn ein rationales Zukunftsmodell, während Solaris in die Tiefe der Wahrnehmung eindringe. Ihn interessiere nicht die technische Vision, sondern die Struktur des Erinnerns selbst. Deshalb spiele Literatur dort eine so große Rolle. Die Genauigkeit entstehe nicht aus dem Bild, sondern aus dem Denken hinter dem Bild.
Wenn er über solche Filme spricht, verschmelzen sie mit seinem eigenen Material. Seine innere Bildwelt, sagt er, sei kein Archiv im klassischen Sinn, sondern ein ständig arbeitendes, weiterwachsendes System. Seit seiner Kindheit kombiniere er Eindrücke, Filme, Situationen und reale Beobachtungen miteinander. Nicht bewusst komponiert, sondern als eine Art permanente Kopplung von Bildern. „Ich bin eine AI“, sagt er einmal halb ironisch, halb ernst, ohne den Satz weiter zu erklären. Entscheidend sei nicht das einzelne Bild, sondern die Verbindung zwischen den Bildern.
Aus dieser Art des Denkens heraus wird auch verständlich, warum sich seine Arbeiten nicht auf einzelne Bilder reduzieren lassen. Sie funktionieren immer als Verbindungen, als Überlagerungen, als Räume, in denen verschiedene Zeitschichten gleichzeitig anwesend sind. Diese Logik wird besonders deutlich, wenn er über seine sogenannten Bars spricht. Als ich ihn darauf anspreche, ob sich in den Lampen eine Art assoziative Bildproduktion zeige, weicht er zunächst aus. Nicht im Sinne einer Verweigerung, sondern weil er den Ausgangspunkt anders setzt. Für ihn beginne eine Arbeit nie mit einem einzelnen Bild, sondern mit einem Zustand, mit einem Gefühl. Mit etwas, das er als Mischung aus historischen, politischen und emotionalen Konstellationen beschreibt – Zustände wie Oligarchie, Kommunismus oder Absolutismus, die weniger Begriffe als vielmehr atmosphärische Koordinaten seien. Aus diesen Zuständen heraus entwickelten sich erst die konkreten Bildverbindungen. Diese Form des Denkens lasse sich, sagt er, besonders gut an seinen Bars nachvollziehen. Die Grundidee sei dabei immer dieselbe: einen sozialen Raum zu schaffen, der zugleich realer Ort und erzählerische Struktur ist. Eine Bar sei für ihn kein dekoratives Setting, sondern ein temporärer Zustand von Öffentlichkeit. Ein Ort, an dem für eine bestimmte Zeit eine Art Waffenstillstand herrsche. „Da wird gesoffen“, sagt er lakonisch, „aber es ist auch ein sozialer Vertrag.“ Er beginnt bei seiner ersten Bar, die er Mitte der siebziger Jahre gebaut habe: zwei Getränkekisten, Fanta und Coca-Cola, ein Brett darüber. Mehr habe es nicht gebraucht. Eine improvisierte Struktur für Jugendliche in seiner Gemeinde, kein Alkohol, aber ein klar definierter sozialer Raum. Später habe sich dieses Prinzip ausgeweitet. Aus den improvisierten Strukturen seien komplexere Räume geworden, Modelle, Installationen, später ganze Projekte wie WP8 in Düsseldorf oder internationale Setzungen im Kontext des Operndorfs in Afrika. Immer gehe es darum, einen Raum zu erzeugen, in dem unterschiedliche Realitäten gleichzeitig auftreten können: Alltag, Geschichte, Politik, Kunst.
Bei WP8 werde das besonders deutlich. Der Ort am Worringer Platz in Düsseldorf sei ursprünglich eine ehemalige Badeanstalt gewesen, die bereits in der NS-Zeit eine bestimmte politische und soziale Aufladung gehabt habe. Für ihn sei gerade diese Überlagerung signifikant. Geschichte sei dort nicht Vergangenheit, sondern räumlich vorhanden. In der Umgestaltung dieses Ortes, der später als Bar und künstlerischer Raum genutzt wurde, gehe es ihm nicht um Rekonstruktion, sondern um Verschiebung. Um die Frage, was passiert, wenn ein historisch belasteter Raum in eine soziale Gegenwart überführt wird, die ihn nicht negiert, sondern neu codiert.
Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang auch die Referenz auf Film auf. Besonders Roma città aperta von Roberto Rossellini sei für ihn ein Schlüsselfilm. Nicht wegen einer einzelnen Szene, sondern wegen der Art, wie dort Normalität und Gewalt ineinandergreifen. Der Moment, in dem Musik, Alltag und politische Brutalität scheinbar ohne Bruch nebeneinander existieren, habe ihn nachhaltig beschäftigt. Er beschreibt diese Gleichzeitigkeit sehr konkret: ein Raum, in dem Menschen Musik machen, während nur eine Tür weiter gefoltert wird. Das eigentlich Unheimliche sei für ihn nicht der Gegensatz, sondern die Tatsache, dass beide Zustände ohne sichtbaren Übergang nebeneinander bestehen können.
Später im Gespräch zieht er eine Verbindung zu Fassbinder. Auch dort gehe es ihm um diese Durchlässigkeit zwischen Alltag und Gewalt, zwischen Intimität und Geschichte. Fassbinder habe ihn deshalb früh interessiert, weil seine Filme zeigten, wie schnell sich gesellschaftliche Rollen verschieben können, ohne dass sich der Raum selbst verändert. Die Bar, sagt er schließlich, sei vielleicht die einfachste Form, diese Struktur sichtbar zu machen. Ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, reden, trinken, sich begegnen und in dem zugleich alle gesellschaftlichen Schichten, Erinnerungen und Projektionen anwesend seien, ohne dass sie explizit benannt werden müssten.
Er spricht über seinen Kunstbegriff erst zögerlich, fast so, als wäre jede feste Definition bereits eine Verkürzung dessen, was er eigentlich meint. Auf die Frage, wie er sich als Künstler versteht, fällt zunächst ein schlichtes Wort: „Als Facharbeiter.“ Dann ein kurzes Lachen, als würde er selbst hören, wie unzureichend das zugleich ist. Er lässt den Satz nicht stehen, sondern verschiebt ihn sofort in einen größeren Zusammenhang. Es gehe ihm nicht um eine romantische Vorstellung von Kunst, sondern um Herstellung, um Arbeit, um präzises Tun innerhalb eines Materials, das sich nicht vollständig kontrollieren lasse. In diesem Sinn sei der Begriff „Facharbeiter“ für ihn näher an der Realität seiner Praxis als jede heroische Künstlerfigur. Dann relativiert er auch das wieder, indem er auf den Satz „Facharbeiter ficken“ von Kippenberger anspielt, der diese Selbstbeschreibung ironisch verschärfe, sozusagen als Provokation gegen jede zu glatte Einordnung. In dieser Reibung zwischen Selbstzuschreibung und ironischer Brechung bleibe seine Position offen.
Wenn er über seine Praxis spricht, wird diese Haltung konkret. Die Lampen, die Modelle, die Bars seien keine autonomen Skulpturen im klassischen Sinn, sondern Resultate von Prozessen, in denen Material, Erinnerung und Geschichte ineinandergreifen. Oft beginne es mit einfachen, fast beiläufigen Dingen: Karton, Fundstücke, Möbelreste, Alltagsobjekte. Daraus entstünden Modelle, manchmal im Maßstab, manchmal in einer Art verkleinerten Wirklichkeit. Er erzählt, dass er über Jahre hinweg viele dieser Arbeiten in verschiedenen Varianten gebaut habe – nicht als Wiederholung, sondern als Fortschreibung eines Denkens in Varianten. Es habe Phasen gegeben, in denen er aus Geldmangel mit einfachsten Mitteln gearbeitet habe, mit Kartons, Verpackungen, improvisierten Konstruktionen. Gerade daraus habe sich eine gewisse Freiheit ergeben: die Möglichkeit, Strukturen zu denken, ohne vom Materialwert eingeschränkt zu sein. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch seine Zeit in Düsseldorf, die er als prägend beschreibt – nicht als mythischen Ort, sondern als konkretes Umfeld von Werkstätten, Modellbauern, Künstlern und Handwerkern, von denen er gelernt habe. Besonders die Nähe zu Leuten wie Reinhard Mucha sei für ihn wichtig gewesen, weniger als Einfluss im direkten Sinn, sondern als Teil eines gemeinsamen Denkraums.
Wenn er über seine Bildsprache spricht, wird deutlich, dass er sie nicht als persönliche Bildfindung versteht, sondern als Zugriff auf ein bereits vorhandenes Archiv aus Familienfotos, eigenen Fotografien, Filmen, Literatur, Kunstgeschichte, aber auch aus populären Bildern und aus dem Internet gefischtem Bildmaterial. Für ihn gebe es keine strikte Hierarchie zwischen diesen Ebenen. Entscheidend sei nicht die Herkunft des Bildes, sondern seine Anschlussfähigkeit in einer Montage. Er formuliert es so, dass sein Denken weniger linear als assoziativ organisiert sei, aber nicht beliebig, sondern strukturiert durch Erfahrung. Bestimmte Filme tauchen dabei immer wieder auf: Solaris von Andrej Tarkowski, Sans Soleil von Chris Marker, Fassbinder natürlich, Herzog, aber auch klassische Stoffe, literarische Figuren, historische Szenen. Besonders ausführlich spricht er über Solaris. Ihn interessiere dort nicht nur die Science-Fiction-Ebene, sondern die Idee, dass Erinnerung materialisiert werden kann. Dass das, was vergangen scheint, wieder erscheint, nicht als Rekonstruktion, sondern als körperlich gewordene Präsenz. Dieses Prinzip, so Claus, sei für ihn zentral: dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern in anderen Formen weiter auftaucht.
In seinen eigenen Arbeiten, so erklärt er, werde genau diese Logik übertragen. Eine Lampe könne dann wie ein Träger solcher Erscheinungen funktionieren – nicht als Illustration, sondern als Verdichtung. Ein Objekt, das gleichzeitig alltäglich und überhistorisch ist. Je länger das Gespräch dauert, desto stärker verschiebt sich sein Denken in eine Richtung, die weniger biografisch als generational wird. Er spricht davon, dass bestimmte Erfahrungen nicht nur individuell seien, sondern ganze Generationen betreffen. Dinge, die in den Wohnungen seiner Kindheit standen – Radios, Lampen, Fotos – seien nicht privat im engen Sinn gewesen, sondern Teil einer gemeinsamen europäischen Nachkriegssituation. Die eigene Familiengeschichte habe er lange unterschätzt, sagt er, gerade weil sie ihm zu gewöhnlich und zu kleinbürgerlich erschien. Erst später habe er erkannt, dass gerade diese Normalität der eigentliche Schlüssel sei. Dass sich in ihr historische Strukturen verdichten, ohne sich als solche zu deklarieren. In diesem Moment verschiebt sich das Gespräch noch einmal. Die Frage nach Erinnerung wird zur Frage nach Zeit selbst. Nicht als abstrakte Größe, sondern als etwas, das in Dingen eingeschrieben ist. Die Lampe wird dabei zum einfachsten Beispiel: ein Objekt, das funktioniert, leuchtet, gebraucht wird und zugleich mehr speichert, als es zeigt. Für ihn ist Kunst im doppelten Sinne ein Beleuchten und Weiterleuchten.