Bartyful 2026 – Begegnungen mit Föttinger
Als mich die Einladung zu Claus Föttingers Ausstellung bartyful bei Grzegorzki Shows über seinen jüngeren Bruder Dieter, genannt Deedee, per Facebook Messenger erreichte, bin ich erstmal erschrocken. „Claus Föttinger 1974–2026“ – in Anbetracht der erschreckend hohen Anzahl an Menschen aus meinem näheren persönlichen und künstlerischen Umfeld, die sich gerade in den letzten Monaten aus diesem Leben verabschiedet hatten, einige davon nach 1974 geboren, gingen sofort Alarmglocken los. Zum Glück fiel mir dann doch schnell ein, dass Föttinger auf jeden Fall vor 1974 geboren ist. Okay – eine Retrospektive also.
Der Schreck hatte vermutlich auch damit zu tun, dass ich von Deedee seit gefühlten Jahrzehnten nichts mehr gehört hatte, außer das, was man halt so über Social Media mitbekommt. Wir kennen uns noch aus der Nürnberger Techno-Szene Anfang/Mitte der 1990er Jahre – er war der erste Computer-Crack in meinem Umfeld und, wie Claus (den ich damals noch nicht kannte), ein absoluter Filmfreak – insbesondere Cronenberg, Kubrick etc.
2003 bekam ich dann als angehende Kunsthistorikerin eine Anfrage vom Allgemeinen Künstler-Lexikon, einen Text über Claus Föttinger zu schreiben. Wir kannten uns wie gesagt nicht, Föttinger lebte ja schon lange in Düsseldorf. Als ich ihn kontaktierte, ihm sagte, ich sei eine Freundin seines Bruders und würde gern einen Lexikon-Eintrag über ihn schreiben, zeigte er sich mäßig interessiert. Verständlich. Der Text sah dann so aus und findet sich heute noch in der DeGruyter-Datenbank „Artists of the World“ (inkl. der hinzugefügten Abkürzungen):
Föttinger, Claus, dt. Objekt- und Installationskünstler, *6.7.1960 Nürnberg, lebt in Düsseldorf und Arnheim/Niederlande
1979-81 Foto-Ass., Praktika als Bühnenbildner und -maler am Schauspielhaus Nürnberg. Stud.: 1982-89 KA Düsseldorf, Meisterschüler bei Alphonso Hüppi; 1990-92 Mitarb. im KV Friesenwall 116, Köln; 1991-93 Gründung und Ltg. des Düsseldorfer KV WP8; 1995-96 Gastkurator in Schloß Ringenberg am Niederrhein. - Begann mit abstrakt-strukturellen Bildern, gleichzeitig veranstaltet er dazu Themenbars, für die er bes. Environments entwirft (Düsseldorf: WM Bar, 1990). A. der 90er Jahre gibt F. die Malerei auf und beginnt, funktionale Bars als temporäre Installationen für Mus., Gal. und im öff. Raum zu bauen.
F.s Arbeit bewegt sich auf der Schnittstelle von Kunst, Design und Dienstleistung. Die Bars versteht er als soziale Skulpt., die gleichzeitig Bildkunstwerk und Ort für Kommunikation sind. Zur Ausstattung jeder Bar gehört neben der Bewirtschaftung, dem individuellen Design und sorgfältig ausgewählten Mobiliar auch eine künstler. bearbeitete Musik- und Videokomponente. Möbel, Wände und Lichtobjekte dienen als Bildträger assoziativer Collagen, in denen sich Zeitgeschichte und medial geprägte Autobiographie vermischen.
Grundlegende Themen sind die dt. Gesch. und die sozialen Strukturen in der BRD. Bar Institut (1998) spielte mit dem Interieur auf koloniale Vergangenheit und Naziästhetik an; Bar 60/99 (2000) im Café Liebermann der Hamburger KH stellte in Pressefotos und Filmstandbildern 50 Jahre dt. Gesch. Zitaten aus amer. Filmen entgegen; in Gerd's McDöner Lounge (2001) für den KV Düsseldorf inszenierte F. Elemente multikultureller Imbißstubenästhetik und martial. anmutendes Edeldesign vor dem Hintergrund einer Videowand, auf der Bilder aus dem Kosovokrieg gezeigt wurden; in Moscheenwand und Kreuzbar (2003), KH Kiel, trafen christl. Symbolik und muslim. Alltag in Deutschland in einer türk. Teestube aufeinander.
Keine dieser Bars hatte ich derzeit live erlebt, geschweige denn an ihren Tresen gesessen. Als Föttinger im März 2021 seine Bar-Skulptur Veldt and Ocean (2018) für die von Raimar Stange kuratierte Ausstellung Demokratie heute – Probleme der Repräsentation im Berliner Kindl Zentrum für Zeitgenössische Kunst reloaded, verhinderten die Maßnahmen zur zweiten Corona-Welle eine Aktivierung des Kunstwerks und somit dessen partizipatorischen Aspekt.
Das „Soft Opening“ gibt immerhin Anlass für ein Wiedersehen seit unserer ersten Begegnung (für die er sich entschuldigt), und im November selben Jahres sind wir dann in seiner Bar für Bhima Griens Projektraum Alberthall Worpswede in Kreuzberg auch bar-gerecht versackt.
Ein Element dieser Bar war eine Video-Collage aus Madonnas Instagram-Feed, wovon F. ein großer Fan war.
Jetzt soll ich wieder einen Text über ihn schreiben, aber „keinen Kunstscheiß“, meint F., davon gäbe es schon genug. Die Eröffnung von bartyful bei Grzegorzki Shows, dem neuen Raum von Gregor Hildebrandt im Pförtnerhaus einer ehemaligen Konservenfabrik in Schönholz am Dienstag vor dem Berliner Gallery Weekend ist gut besucht, aber F. schlecht gelaunt. Auf einem Screen soll das Fußballspiel Paris Saint-Germain vs. FC Bayern München übertragen werden (WM Bar!), aber irgendwas klappt mit der Netzverbindung nicht. Deedee kriegt es dann doch hin. Der Screen steht neben einer u. a. mit Fassbinder-Plakaten und Stills aus Cronenbergs Videodrome beklebten Litfaßsäule und einem Rednerpult, an dem an diesem Abend jedoch keine Rede gehalten wird. Die Redner sind die Menschen an der Bar.
Die Pförtnerloge ist überbordend gefüllt mit diversen, aus Einzelbildern montierten bzw. genähten Lichtobjekten, Versatzstücken und Modellen früherer Installationen, Fotos, Katalogen und Memorabilia aus F.s Leben und Ausstellungsgeschichte sowie allerhand Nippes, darunter eine Anzahl possierlicher, aus Draht und Glasperlen gefertigter Tierchen – von F.s Freunden aus Burkina Faso, wie ich später erfahre. Ein blinkendes Lichtobjekt mit sechs Nürnberger Bratwürsten und zwei Spargelstangen in einem Rahmen aus Fotos von fränkischen Gastwirtschaften verweist unverkennbar auf unsere gemeinsame Heimat. Darüber befindet sich ein weiteres Lichtobjekt mit dem Epilog von Barry Lyndon aus Stanley Kubricks Verfilmung des Romans von William Makepeace Thackeray, der auch auf der Einladungskarte abgedruckt ist. Ich muss nochmal wiederkommen.
Ich besuche F. am Samstagnachmittag, zwischen Gallery Weekend und Venedig Biennale. Er hat einen Liegestuhl und einen Monoblock neben dem Häuschen aufgestellt. Warum die Retrospektive 1974 beginnt, will ich wissen, und trete eine Lawine los. 1974 bekam er als 14-Jähriger von seinen Eltern eine Pentax Spotmatix 1000 SP geschenkt, seitdem macht er Bilder. Das auf der Einladungskarte, ein vermüllter Raum bei La Défense, ist 1979 in Paris entstanden. Aber vielleicht noch wichtiger für seine künstlerische Prägung seien Fernseher, Radio und Kassettenrekorder gewesen – natürlich alles von Grundig. Klar, die Grundig-Werke in Fürth und Nürnberg, die während des 2. Weltkriegs neben Transformatoren auch V1- und V2-Raketen produzierten, dabei Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine beschäftigten und nach dem Krieg mit Radios zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders wurden.
Doch eigentlich fängt alles noch viel früher an. Mit dem zutiefst depravierten Umfeld, in dem F. in Nürnberg aufgewachsen ist, dem Trauma der 1930 und 1931 geborenen Eltern und weiterer Verwandtschaft – ein Trauma, das sich übergriffig auf die eigene Kindheit übertrug.
Es sei diese, auch sexuelle, Depraviertheit, die sich in der Anordnung seiner Bilder niederschlägt, sagt F. Er erzählt von einem Großonkel namens Bösl, der am 20. Juli 1940 in Plötzensee ermordet wurde, am Fleischerhaken aufgehängt, weil er den Gefangenen Brot durch den Zaun geschmuggelt hätte. Dies sei der Grund gewesen, warum sein Großvater nach dem Krieg eine sogenannte Satisfaktionswohnung in Nürnberg erhalten habe. Dort gab es einen Hausherrn, der F.s Mutter schikanierte. Man teilte sich ein Außenklosett – inklusive allem, was durch den Mangel an Privatsphäre impliziert wird. Dieser Hausherr hatte Schüttellähmung und trug einen Trachtenhut mit Fasanenfedern, die bei jeder Bewegung wackelten, wie bei einer Marionette – auch das ein Bild, das sich einfräste. Immer mehr höchst assoziative Bilder verdichten sich zu einem Slapstick-Horrorfilm deutscher Nachkriegsgeschichte.
Wir gehen nochmal in das Häuschen. Da hängt ein Foto seiner Mutter mit Kinderwagen und dem kleinen Claus darin vor der Nürnberger Kongresshalle unweit des Zeppelinfeldes, das Leni Riefenstahl 1934 in Triumph des Willens in Szene setzte. Auf dem Reichsparteitagsgelände habe er als 14-Jähriger Fußball gespielt und damals schon irritiert den Schatten des Reichsadlers am ehemaligen Trafohaus wahrgenommen, in dem sich heute ein Fitnessstudio und Burger King befinden.
Im Raum tickt hörbar eine Uhr, das Zifferblatt ziert der prophetische Knochen aus Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Ein Filmstill von Bond Girl Maude Adams in The Man with the Golden Gun mit weißem breitkrempigen Hut verknüpft F. mit Melania Trump, die in ihrem Film einen ähnlichen Hut trägt, nur in Schwarz. Ob ich Melania gesehen habe? Ich verneine. Nach einem kurzen Exkurs zu Trumps Ehe und Außenpolitik erzählt F. noch von der Szene im WP8 im Düsseldorf der 1990er Jahre, von seinem heutigen Besuch von Goebbels' Villa in Schwanenwerder und gerät in Rage über eine Szene von Polizeigewalt, die er gestern, am 1. Mai, hier ganz in der Nähe beobachten musste. „Alle denken immer noch, es ist kurz vor 12, dabei ist es längst schon viertel nach.“ Die Wut ist echt. Ich kann sie nachvollziehen, aber mir beginnt der Kopf zu schwirren. Als ich mich nach einer guten Stunde verabschiede, schaut er mich konsterniert an. Er habe doch gerade erst angefangen.
Eva Scharrer
Nachtrag Föttinger:
Das Bratwurstbildlampe hat mein Freund Robert Bubi Scholz gemacht. Ein Mimikry-Versuch auf meine Lampen und meine Kunstpraxis. Wir waren seit ’73 am Willstätter Gymnasium in einer Klasse und haben mit wichtigen anderen Freunden zusammen die Schülerzeitung gemacht, hatten dadurch Einfluss im sozialdemokratischen Nürnberg nach den Parametern im autonomen Komm, von Hermann Glaser mit anderem gegründet, der Vater von Uli Glaser, unserem Schulsprecher und VIP-Neugründer. Wir hatten öfter den Preis „Beste Schülerzeitung Bayerns“ gewonnen, deutschlandweit gab es noch nicht, keine Ahnung, ob überhaupt inzwischen. Jedenfalls, die Spargel-Bratwurst-Lampe illustriert wunderschön unsere Haltung zu Kultur, Identität und sozialer Relevanz von Gesellschaft. Ich war anfangs noch zu doof und hab Bedeutung und Potenzial nicht verstanden. Denn meine Freunde und Freundinnen haben früher noch jede kulturelle Äußerung von mir ironisiert und wir so schön und herzhaft drüber gelacht wie selten im Leben danach. Gnadenlose Asterix- und Pardon- und Titanic-Leser, die vor nichts Respekt hatten, außer dass der erhellende Witz gemacht werden musste, egal, wie hoch die Kosten auch waren, privat oder gruppentechnisch. Gerade im Unverständnis lag der pädagogische Wert.