Wir wandern auf einen gemeinsamen Treffpunkt zu
Ich denke an Claus, meinen Freund, und ich denke an meine Reisen mit ihm und seiner Kamera. Zum Glatzenstein. Zur Kathedrale von Winchester und zum Schuhmacher neben der Kathedrale. Zur schwarzen Domina von Pompeji und zu den Desinfektionsgruben von Moldova. Ich denke an das gescheiterte Gespräch mit den Prostituierten von Odessa und an das ergreifende mit dem Liebespaar von Tschernobyl. Ich denke an das leere Bett in der Hütte des Paares. Mir fiel es erst auf, als Claus es fotografierte.
Herodot fällt mir ein, der reisende Berichterstatter, der jedes Detail sieht, jedes Faktum prüft, jedem Stichwort seinen Platz gibt im Katalog seiner Welt.
Es treibt ihn jung in eine traumatisierte Welt. Ein Weltkrieg ist gerade vorbei. Er flieht, liebt, darbt. Reist, sammelt, ordnet. Er spricht, widerspricht, fasst zusammen. Versteigt sich, stürzt, steht auf. Aus Pixeln und Lebenswelten formt sich persönliche Weltgeschichte. Sie ist persönlich durch direktes Erleben und deshalb wahr. Sie ist überpersönlich, denn kein Detail ist ohne Liebe erlebt, und deshalb bleibt keines allein. Jedes bekommt seinen Platz unter dem Gesichtspunkt der Ganzheit.
Immer wieder führt der Weg in die Zonen, von denen es früher hieß: Hic sunt leones. Das ist keine Metapher. Seine Reisen führen immer an den Rand der Gefahr. Oft sogar darüber hinaus, und es bleiben Narben.
Wären alle Arbeiten von Claus ein Buch, könnte es mit diesen Sätzen beginnen:
„Claus aus Nürnberg gibt hier eine Darlegung seiner Forschungen, damit der Nachwelt nicht in Vergessenheit gerate, was unter den Menschen einst geschehen ist … Besonders aber soll man die Ursachen wissen, weshalb (sie) gegeneinander Kriege führten.“
Damit beginnt das erste Buch des Herodot von Halikarnassos. Nur Name und Ort sind anders.
Jetzt sehe ich Claus an diesem Abend in den Betonruinen von Pripjat, der Stadt neben dem Sarkophag von Tschernobyl. Seine Kamera klickt. Sie ist auf größtmögliche Auflösung gestellt, sodass jedes Bild eine monströse Pixelzahl hat. Wir haben eine Flasche Glenmorangie dabei. Jahrzehnte sind vergangen, durch den Asphalt der Magistrale wächst Birkengestrüpp.
Die Leute, die früher an den Haltestellen standen, als hier noch der Bus fuhr, und wir, die wir jetzt einen Waldpfad gehen, wandern auf einen gemeinsamen Treffpunkt zu.