Die Zeit kann nicht aus sich heraus — Necmi Sönmez

Autor
Necmi Sönmez
Titel

Die Zeit kann nicht aus sich heraus

Über Claus Föttingers Projekte in der Türkei
Essay, Istanbul

Claus Föttinger hat sich einen Namen gemacht mit sozialkritischen, ortsspezifischen Skulpturen, Objekten und Installationen, die er durch präzise Lichtquellen—Lampen, LEDs, Projektoren—zum Leuchten bringt. Sein Werk thematisiert oft die Schnittstelle von Geschichte, Erinnerung und Gegenwart, indem es alltägliche Objekte in Träger kollektiver Narrative verwandelt.

Im Sommer 2004 strandete er auf einer Reise mit Freund Thomas Fröhling in Seddülbahir, einem malerischen Dorf in der Çanakkale-Provinz an der türkischen Ägäis. Hier, am Rande der Dardanellen — in der Antike Hellespont, seit dem 19. Jahrhundert Gelibolu/Gallipoli, am südöstlichsten Zipfel Europas — richtete er ein improvisiertes Atelier ein. Direkt gegenüber Trojas mythischen Ruinen begann die Arbeit. Daraus wuchs das Gallipoli-Projekt (2005—2015), das Föttingers Praxis umkrempelte und die zeitgenössische Kunst in der Türkei und in Deutschland bereicherte.

Ausgangspunkt des Projekts ist die Schlacht von Gallipoli (1914—1916), die im Ersten-Weltkrieg einen Wendepunkt markierte. Das Osmanische Reich, dessen Schicksal bereits besiegelt war, kämpfte neben dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn gegen Briten, Franzosen und Russen. Türkische und deutsche Truppen hielten — unterstützt von überlegener Marine und ANZAC-Kräften — einer amphibischen Invasion stand. Der Sieg unter Mustafa Kemal (dem späteren Atatürk) rettete Istanbul und pflasterte den Weg zur Republik.

Was Föttinger in seinen ersten Tagen in der Türkei am tiefsten berührte, waren die massiven Krupp-Kanonen in Seddülbahir — Relikte deutscher Rüstungskunst, die heute noch von türkischen Touristen als Zeichen einer Deutsch-Türkischen Freundschaft umschwärmt werden. Diese paradoxe Szenerie, in der Zivilisten vor Kriegsmaschinen posieren, inspirierte 2005 seinen ersten Eingriff: An seinem Auto befestigte er Lampen, die er aus historischen Fotografien und Dokumenten des Gallipoli-Feldzugs gefertigt und durch eigene Aufnahmen ergänzt hatte. Die improvisierten Lichtobjekte dokumentierten Veränderungen im Dorf, ihr Stoff mündete in ein umfassendes Forschungsarchiv. Es fängt den umfangreichlichen gesellschaftlichen Wandel der Türkei ein — vom osmanischen Erbe über die kemalistische Moderne bis zur Erdoğan-Ära: den Gezi-Park-Protesten (23. Mai bis 15. Juni 2013), den Putschversuch (15. Juli 2016) sowie dazwischen verloren gegangene Annäherungen an EU. Mit nahezu 4.500 Fotografien schuf Föttinger kein bloßes Archiv, sondern ein visuelles Gedächtnis — das als Metapher für verborgene Schichten der türkischen Geschichte steht.

Sein Interesse und seine subtilen Forschungen zeigen sich in der distanzierten Untersuchung türkischer Erinnerungskultur, bei der sie frei von interpretativer Überhöhung bleiben. Zwischen 2005 und 2015 stellte Föttinger, unbemerkt von der Öffentlichkeit, seine Lichtobjekte zu den jährlichen türkischen Nationalfeiertagen aus, am Gallipoli-Märtyrertag (18. März) und am ANZAC-Tag (25. April). Seine ortsspezifisch temporär installierten Werke greifen in den öffentlichen Diskurs ein, ohne ihn dominieren zu wollen. Höhepunkt seiner Arbeit war 2015 die Dokumentation der millionenköpfigen Massenveranstaltungen zum 100. Jahrestag — ein Spektakel aus Drohnen, LED-Wänden und lauten Nationalhymnen. Dieses Archiv brachte Folgeprojekte hervor und enthüllte Spuren einer alternativen, ungeschriebenen Geschichte der türkischen Gesellschaft. Allein reichen sie nicht für eine lineare Erzählung; doch webt Föttinger daraus Metaphern — mit Themen wie Migration, Nationalismus oder Verdrängung, die viele zeitgenössiche türkische Künstler\innen meiden. Die Narration in seinen Werken stellt türkische Wirklichkeiten, soziale Ungleichheit, die Unterdrückung kritischer Stimmen und die Ausbeutungsmechanismen der Politik auf subtile Weise dar. Meine bisherigen Kollaborationen mit Föttinger vertiefen diese Resonanzen: fragMENTaTION (Istanbul, 2017); Evrim (Izmir, 2018); das Einwanderungs-Denkmal auf dem Zollverein (Essen, 2021), und What inspires the artists for their ideas?* (Istanbul, 2026).

Mit sozial-kulturkritischem Akzent inszeniert Claus Föttinger — aus der Türkei und über sie — eine spontane, nonverbale Opposition gegen Inhumanität, Gewalt, Mitleidlosigkeit und die allgegenwärtige Arroganz der Macht. Die Zeit kann nicht aus sich heraus; Föttingers Licht durchdringt sie.

Claus Föttinger Archiv ● Necmi Sönmez