Massenkunst?
I. Vom Ende her
„Das ist das Ende des guten Amerika“, kommentierte Claus Föttinger die Meldung vom Tod der Hollywood-Legende Robert Redford.(1) So liest er diesen Tod klug als Allegorie des Untergangs von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in den USA, als Allegorie also, die, ganz im Sinne Walter Benjamins, ruinösen Verfall konstatiert.
Charakteristisch für die Arbeitsweise des Künstlers ist sein spontanes wie reflektiertes Statement insofern, als er hier einen kulturhistorischen Moment auf seinen politischen Gehalt abklopft. Genauer: Claus Föttinger nimmt da einen Moment in seinen kritischen Fokus, der der populären Unterhaltungskultur zuzurechnen ist.
II. Kunst?
Wer Claus Föttinger auf Instagram und Facebook folgt, der weiß, dass er dort immer wieder den Tod von nicht nur für ihn wichtigen Personen bedenkt, vor allem aus der Welt der Kultur. In diesem Sinne hat er in den sogenannten „sozialen Medien“ im Jahre 2025 an den Journalisten Georg Stefan Troller (1921–2025) und an den Rockmusiker Ozzy Osbourne (1948–2025) ebenso erinnert wie an die Schauspielerin Claudia Cardinale (1938–2025) und an die Sängerin Roberta Flack (1937–2025).(2) So etwas wie ein Bilderalbum postet Claus Föttinger dann, das sich aus etwa zehn signifikanten Bildern zusammensetzt, die Leben und Werk der gerade Gestorbenen so beleuchten, dass nicht nur deren Biografie und Schaffen, sondern auch ihr produktives Verhältnis zu ihrer (politischen) Lebenswelt ablesbar wird.
Auch diese im gewissen Sinne beiläufigen Bild-Formulierungen sind bereits typisch für seine künstlerische Arbeit, dieses mal aus gleich zwei Gründen: Zum einen arbeitet Claus Föttinger hier in zwei Medien, die kaum integrale Bestandteile der Bildenden Kunst sind, zum anderen tut er das vor allem mit Fotos und Filmstills, zudem mit Pressefotos und privaten Aufnahmen, mit Fotos also, die keine explizit künstlerischen Arbeiten sind.
III. Oder Massenkunst?
Susan Sontag schreibt: „Fotografie, wie jede Form von Massenkunst, [wird] von den meisten Leuten nicht als Kunst betrieben.“(3) Diese Spannung von Massenkunst und Kunst tritt bei Föttinger immer wieder wie ein der Arbeit innewohnender dialektischer Motor auf. So sind private Fotos ebenso wie Pressefotos zunächst einmal keine Kunst, werden aber in den Zusammenstellungen des Künstlers, zumal in den von ihm inszenierten Settings – dazu gleich mehr – zu einer solchen. Nun sind die sozialen Medien Instagram und Facebook klarerweise digitale Massenmedien und sicherlich ebenfalls erstmal keine Kunst. Ihre Nutzung im künstlerischen Kontext hebt diesen Zustand kaum auf, stattdessen hinterfragt ihre Verwendung den elitären Charakter hehrer Kunstpräsentation und generiert so tendenziell neue „Zielgruppen“ für Kunst, um sich so als Kunst für viele behaupten zu können. Auch dazu später mehr.
IV. Prost!
Bekannt ist Claus Föttinger für seine „Markenzeichen“ Bar und Lampe. Als einer der ersten Künstler in Deutschland gestaltete er Bars und behauptete diese als eine zu trinkender und miteinander redender Mitarbeit auffordernde Kunstinstallation. Doch erschöpfen sich die Aktionsangebote dieser Bars nicht in mehr oder weniger hedonistischer Teilhabe, vielmehr fordern die in ihnen integrierten Bilder, Videos und die besagten Lampen zum Beispiel zum kritischen Nachdenken und Diskutieren über Geschichte und Kultur sowie über gesellschafts- und weltpolitische Fragen auf.(4) Als Beispiele für solche Bars seien hier seine Arbeiten „Luhmann-Eck“ (2004) und „Die Zukunft der SPD“ (2019)(5) genannt.
In meinem Kontext ist entscheidend, dass Bars bei Claus Föttinger zugleich als Kunstobjekt und als Kunstdisplay fungieren – und dabei der Vorstellung passiver Kunstrezeption im leeren und hehren White Cube die Nutzung eines sozialen Treffpunkts für die aktive Rezeption von Kunst entgegensetzen. Keine elitäre Bildungs- und Kulturstätte tritt hier auf den ästhetischen Masterplan, sondern ein Ort, der eigentlich der Sphäre amüsanter Unterhaltung und somit – wenn überhaupt – als Setting der Low Culture zugeordnet wird, also einen vergleichsweise unakademischen Charakter besitzt.
Mit eben dieser das Betriebssystem Kunst kritisierenden Verortung seiner Arbeit formuliert Claus Föttinger nicht zuletzt eines: Die Hoffnung, mehr als nur die bildungsbeflissenen Happy Few der etablierten Kunstwelt mit seiner Massenkunst anzusprechen. Massenkunst ist hier klarerweise im Sinne Susan Sontags als „Kunst von und für Massen“ zu verstehen, und nicht als massenhaft produzierte Kunst. Werden seine Bars dann in White Cube-Situationen ausgestellt, erfordert das prompt die Änderung der dort herrschenden Vorschriften, ist doch der Konsum von Getränken dort eigentlich meist verboten.
IV. Abstoß
Apropos „unakademischer Charakter“, und damit zurück zu der Barsituation „Die Zukunft der SPD“ und ihrer dort verwendeten Bilderwelt: Auf einem Screensaver flimmern in dieser Bar in assoziativer Anordnung Fotos bekannter Politiker der Partei aus Geschichte und Gegenwart – Bilder, die nicht nur dem Künstler tagein tagaus von den Medien um die Augen gehauen wurden. Über der Bar hängt zudem zur weiteren Aufklärung der sozialdemokratischen Situation ein großes Lichtobjekt. Die äußere Hülle dieser Lampe erinnert mit ihren zusammengenähten transparenten Sechsecken an einen Fußball, spielt also auf die Sportart an, die einst als „Proletariersport“ galt, die aber längst zum lukrativen, medial ausschlachtbaren Objekt kapitalistischer Begierden geworden ist. Auf den Sechsecken schließlich sind Fotos von SPD-Veteranen und Polit-Stars wie Herbert Wehner und Helmut Schmidt gedruckt.
So wird hier vom Künstler ein Dialog zwischen jedermann zugänglichen, leicht verständlichen Bildern und dem „Volkssport“ Fußball inszeniert, ein Dialog, den man, wenn man so will, als „niederschwellig“ bezeichnen kann, der aber trotzdem komplexe Fragen aufwirft. So lässt sich an dieser Bar zum Beispiel darüber diskutieren, ob nicht die SPD – wie eben auch der Profifußball(6) im Kontext des sich langsam aber sicher durchsetzenden Neoliberalismus – zu einem Unternehmen geworden ist, das längst nicht mehr in erster Linie die Interessen der „kleinen Leute“ vertritt.(7)
V. Anstoß
Niederschwelligkeit, die im Kunstbetrieb noch immer vorhandene Barrieren abbauen könnte, und Komplexität sind in Claus Föttingers Arbeiten also keine Gegensätze mehr, sondern treten gemeinsam an, um kritische politische Sachverhalte zu verhandeln. Genau diese Strategie haben bekanntlich nicht nur Chantal Mouffe und Ernesto Laclau als wichtiges Moment des „linken Populismus“ bezeichnet. Mit dem linken Populismus soll, verkürzt formuliert, das „sinkende Interesse der Menschen an Politik“(8) und der damit zusammenhängende Zustand bekämpft werden, dass sich die Teilhabe an Politik „auf begrenzte Bevölkerungssektoren beschränkt“,(9) unter anderem mit „Darstellungen von Welt, die die politische Mobilisierung von Leidenschaften […] zuläßt“(10) und politische Fragen nicht nur als technische Probleme behauptet, die dann „von Experten zu lösen sind“.(11) Wichtig in diesem emanzipativen Prozess: Damit Menschen politisch handeln, so Chantal Mouffe, „müssen Menschen sich mit einer kollektiven Identität identifizieren können“(12) – wozu das kritische Erinnern an Robert Redford durchaus seinen Beitrag leisten kann, denn als „Weltstar“ hat dieser längst eine „kollektive Identität“.
VI. Kultur als Alle
Das Konzept eines linken Populismus weist signifikante Parallelen zu dem einer „Kultur für alle“ auf, die seit Anfang der 1970er Jahre vor allem der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann in die Tat umsetzen wollte. Sein Programm sah vor, die Kultur und ihre Institutionen zu öffnen, damit nicht mehr nur der „begrenzte Bevölkerungssektor“ (Laclau) des Bildungsbürgertums am „kulturellen Leben“ teilnimmt. Die Gründung öffentlicher Bibliotheken, kommunaler Kinos und die Förderung von Straßentheater und Jugendkultur seien hier als Stichworte erwähnt.
Bereits 1948 (!) notierte Max Frisch in diesem Sinne in seinem Tagebuch: „Zu den entscheidenden Erfahrungen, die unsere Generation […] hat machen können, gehört wohl die, dass Menschen […], die sich mit Geist und Inbrunst unterhalten können über Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Bruckner, ohne weiteres auch als Schlächter auftreten können.“ Daraus schließt Max Frisch, der im Zweiten Weltkrieg als Kanonier in der Armee kämpfen musste, wie später dann auch seine Generationsgenossen Hilmar Hoffmann und Joseph Beuys,(13) dass eine Kultur notwendig sei, die keine elitäre und hehre mehr ist, sondern mitten im Leben und in der ganzen Gesellschaft steht, eben eine „Kultur für Alle“ ist. Max Frisch beschrieb es so: „Die Scheidung zwischen Kultur und Politik, […] zwischen Lesen und Leben, zwischen Konzert und Straße“ muss hinfällig werden, damit endlich „eine Geistesart“, die „das Höchste denken kann und die das Niederste nicht verhindert“,(14) keine prominente Rolle mehr spielt.
VI. Nach(t)wort
Wohlgemerkt: Das Konzept der „Kultur für alle“ begründete sich damals aus der Erfahrung des Nationalismus, dessen Wiederkehr man mit einer breiten und umfassenden kulturellen Bildung verhindern wollte. Ist es nötig daran zu erinnern, dass gerade in letzten zwei Jahrzehnten das Betriebssystem Kunst sich über weite Strecken wieder als elitärer und teurer Spaß für ganz wenige inszeniert hat und dass „Massenkunst“ à la Susan Sontag oftmals vorschnell als unterkomplex, ja als bloß unterhaltend diskreditiert wurde? Und plötzlich greift auch in Deutschland wieder ein faschistoides Denken um sich …(15)
Der 1960 geborene Claus Föttinger ist in seiner Geburtsstadt früh mit den Gedankenkomplex „Kultur für alle“ in Berührung gekommen, nicht zuletzt weil dort der von 1964 bis 1990 als Schul- und Kulturdezernent tätige Hermann Glaser mit seiner Forderung nach einem „Bürgerrecht Kultur“ für seine Variante der „Kultur für alle“ kämpfte und der Künstler mit diesem in persönlichem Kontakt stand.